Geleitwort der evangelischen Kirche

Portrait: Dr. Christian Stäblein, Probst der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlaulitz

„Eure Haare auf dem Haupt sind alle gezählt.“ (Matthäus 10,30) Dieses biblische Wort aus dem Munde Jesu spricht davon, mit welcher Aufmerksamkeit Gott jedem Menschen begegnet. Jede und jeder ist für ihn einzigartig. Bis in jede Faser unseres Körpers und Geistes hinein.

Wir vergessen das manchmal im Alltag, wenn wir mit uns und unserem Leben ganz beschäftigt sind. In den Momenten von Sterben und Tod unserer Nächsten sind wir nicht nur herausgefordert, mit unserem Schmerz und unserer Trauer umzugehen.

In den vielen kleinen und großen Entscheidungen rund um Bestattungsart, Trauerfeier und Grabgestaltung suchen wir auch dem Ausdruck zu geben, was den Verstorbenen ausgezeichnet hat, seine Einzigartigkeit für uns und – ja – auch seine Einzigartigkeit vor Gott soll im Abschied vor Augen treten. Jede Faser unseres Leibes und unseres Geistes will der Erinnerung an diesen bestimmten, uns nahen Menschen Würde geben. Dass wir uns unserer Toten erinnern, das macht uns Menschen als Menschen aus.

So sind oft in kurzer Zeit zwischen Sterben und Trauerfeier viele Entscheidungen zu treffen, nicht selten tauchen Fragen auf, die sich vorher nie gestellt haben. Hier gibt es viele Menschen, die hilfreich zur Seite stehen. Dazu gehören nicht zuletzt Pfarrerinnen und Pfarrer, die – wo gewünscht – zur Aussegnung ins Haus oder Krankenhaus gerufen werden können.

Es ist gut, dass die vorliegende Broschüre zu vielen Fragen des Abschieds Hilfen anbietet und Vorsorge in den Blick treten lässt. Jeder und jede trauert anders, jede und jeder erlebt den Verlust in den Fasern seines Körpers und Geistes anders, einzigartig.

In der jüdischen Tradition heißt der Friedhof „Haus des Lebens“. Wo die Erinnerung lebt, lebt auch die Hoffnung auf Gott, der uns bewahrt – jenseits jener Grenze, hinter die wir nicht schauen können. Zur christlichen Hoffnung gehört für mich, dass Gott Herr über Lebende und Tote ist. Als Christ vertraue ich auf die Auferstehung der Toten bei Gott. So ist der Friedhof auch für mich ein Haus des Lebens: Hier begegnen Menschen einander, ihrer Trauer, ihrer Erinnerung und auch ihrer Hoffnung.

Wie wir mit unseren Verstorbenen umgehen, wie wir den Abschied gestalten, bringt zum Ausdruck, wie wir unser Leben und sein Ende verstehen. Gut, wenn dabei deutlich wird, wie einzigartig das Leben jedes Einzelnen ist. Gut, wenn wir uns gerade in der Trauer in gemeinsame Traditionen stellen können, die uns tragen. Und gut, wenn wir dabei erinnern: „Eure Haare auf dem Haupt sind alle gezählt“ – vor Gott geht kein Mensch verloren.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Dr. Christian Stäblein
Propst